Adas Raum von Sharon Dodua Otoo

Hardcover Buch mit Schutzumschlag Adas Raum von Sharon Dodua Otoo aus dem S Vicherverlag. Der Titel steht in großen Buchstaben auf dunkelblauem Untergrund und nimmt die gesamte Höhe des Buches ein. Die Buchstaben sind abwechsend rot, gelb, blau und weiß. Das Buch steht auf einem Tisch vor einer Bücherregalwand

Adas Raum von Sharon Dodua Otoo

Erschienen am 24.02.2021 im S. Fischer Verlag, 320 Seiten, ISBN: 978-3-10-397315-0, CN/TW: sexualisierte Gewalt, Rassismus

Adas Raum von Sharon Dodua Otoo ist keine leichte Lektüre, aber eine umso interessantere. Die Autorin bietet in ihrer Geschichte viel Interpretationsspielraum, verlangt Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, selbst weiter zu denken. Auch mehrere Wochen nach der Lektüre kann ich wirklich nicht behaupten, ich hätte alles verstanden. Erst wusste ich deshalb nicht, wie ich das Buch finden soll. Mittlerweile ist mir aber klar: sehr gelungen.

Das Buch ist in Schleifen aufgebaut. In vier verschiedenen Schleifen lernen wir vier Versionen von Ada kennen. Alle sind miteinander verbunden, durch die Vergangenheit und durch ein Armband, das in jeder Schleife eine Rolle spielt. Erzählt werden die Geschichten der Adas von einem Wesen, das als Wind mit Gott spricht und gerne als Mensch wiedergeboren werden möchte. Dafür muss es jedoch einige Aufgaben erfüllen und nimmt in jeder Schleife eine andere, nicht menschliche Erscheinungsform an. Klingt verwirrend? Ist es auch, aber auf äußerst faszinierende, gelungene Art mit einem frischen, neuen, mutigen Stil und einer einnehmenden Atmosphäre, die mich das ganze Buch über im Bann hielt.

Die Adas – vier Schleifen

Wir begegnen vier verschiedenen Adas, die jede ihre eigene Schleife hat. Alle Schleifen sind jedoch miteinander verbunden, bedingen sich gegenseitig und haben einen gemeinsamen roten Faden – das Armband. Dazu später mehr.

In der ersten Schleife schickt Sharon Dodua Otoo uns in das Jahr 1459. Hier treffen wir an der westafrikanischen Küste auf Ada, die ihren gerade verstorbenen Säugling betrauert. Sie lebt in einer Gemeinschaft, umgeben von älteren Frauen, ihren Müttern, als sie versucht, die Trauer zu verarbeiten, die von den Müttern als unanständig angesehen wird. Was Ada auch zu spüren bekommt. Inmitten dieser Trauer, landen protugisiesche Kolonialmächte am Strand unweit des Dorfes.

Die zweite Schleife nimmt uns mit ins Jahr 1848, wo Ada eine begabte Mathematikerin im viktorianischen England ist, nämlich die bekannte Ada Lovelace, welche als erste Programmiererin gilt. Sie ist adlig, verheiratet, hat aber keine gute Ehe und daher eine Affäre mit Charles Dickens.

Während der dritten Schleife sind wir in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Ada ist hier eine Zwangsprostituierte im KZ Mittelbau-Dora. In Baracke 37 ist sie ihrem Schicksal ausgeliefert und versucht, ihre Seele und ihren Körper voneinander zu trennen, um dieses Schicksal ertragen zu können.

In der vierten und letzten Schleife schließlich sind wir mit der hochschwangeren schwarzen Ada mit britischem Pass in Berlin im Jahre 2019. Sie schläft bei ihrer Halbschwester auf der Couch, die Familie ist in Ghana. Mit ihr erleben wir die schier endlose und hoffnungslose Suche nach einer Wohnung für sich und ihr ungeborenes Kind. Bei dieser ist sie immer wieder Vorurteilen und Rassismus, mal offen, mal versteckt, ausgesetzt.

Alle Adas haben eins gemein: sie sind starke, kämpferische Protagonistinnen. Jede Ada muss ihren eigenen Weg gehen, ihre eigenen Kämpfe ausfechten, keine von ihnen hat ein leichtes Schicksal. Jedes ist Rassismus und Vorurteilen ausgesetzt, muss gegen Macht- und Unterdrückungsverhältnisse bestehen. Ein Buch, vier Schleifen und so wahnsinnig viel Inhalt, der ungemein wichtig ist und auf sehr mutige Art erzählt wird.

Das Wesen und das Armband

Denn – die Geschichten und Leben der vier Adas werden durch ein Wesen erzählt, das eher allwissend ist, versucht zu lenken und Hilfestellung zu geben, aber ohne zu werten oder aktiv einzugreifen. Das Wesen kommt in vier verschiedenen Erscheinungsformen daher: Im Jahr 1459 ein Reisigbesen, mit dem Ada gezüchtigt wird. 1848 als Türklopfer in Form eines Löwenkopfes, 1945 als das Zimmer, in dem Ada im KZ wohnt und schließlich als Adas britischer Reisepass im Jahr 2019.

Dieses Wesen lenkt und verbindet die vier Schleifen. Die Erzählung über diese Jahrhunderte, über mehrere Generationen hinweg, wird dadurch weder gewertet noch eingeordnet durch andere. Sie steht einfach nur da. Trotzdem fiebern und fühlen wir gemeinsam mit dem Wesen mit. Auch geht dadurch mitnichten eine Tiefe der Protagonisten und deren Leben verloren. Dank der prägnanten Darstellung der verschiedenen Orte, Situationen und Interaktionen mit Nebencharakteren bekommt jede einzelne Schleife und somit jede einzelne Ada ihre ganz eigene Tiefe.

Zusammengehalten wird all dies durch das immer wiederkehrende Armband. Es spielt in jedem von Adas Leben eine wichtige Rolle, in jeder Schleife versucht das Wesen dafür zu sorgen, dass Ada zu diesem Armband kommt bzw. darauf aufmerksam wird. So unterschiedlich und eigenständig jede Schleife ist – durch das Wesen und das Armband schafft Sharon Dodua Otoo eine Brücke zwischen allen Schleifen. Eine Brücke, die jedoch viel Aufmerksamkeit und eigene Interpretationen von uns Leser’Innen verlangt.

Mutig und Einzigartig

Eine verwirrende, atmosphärische, eingehende Geschichte. Vier Schleifen, vier Adas, vier Erscheinungsformen des Wesens und ein ganzer Haufen wichtiger, schwer Themen. Ein Buch, dass ich noch mehrmals lesen werde, in der Hoffnung, mit jedem Mal wieder etwas mehr zu verstehen, neue Interpretationen zu finden und das Leben der vier Adas für mich weiter zu spinnen. Ein forderndes, aber mutiges Buch, das wohl wie kein anderes Buch wirklich jeder/jedem Leser*In ein vollkommen anderes Leseerlebnis und andere Schlussfolgerungen beschert. Es braucht Zeit und Mut, um sich in diese Geschichte fallen zu lassen, aber ich kann mittlerweile definitiv sagen, es lohnt sich. Adas Raum bleibt im Gedächnis und ist trotz anfänglicher Skepsis ein Buch, das auf meiner Liste der ewigen Highlights gelandet ist.

Franzi D.
introvertsadventure@gmail.com
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