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Rezensionen/Reviews

Alle meine Rezension zu deutschen und englischen Büchern.

Taschenbuch Cover Sechzehn Wörter von Nava Ebrahimi aus dem BTB Verlag. Helles und dunkles Lila, Umrisse des Irans in denen der Titel steht.

Werbung/Rezensionsexemplar – Das Buch wurde mir vom BTB Verlag zur Rezension zur Verfügung gestellt. Dennoch spiegelt sie meine eigene und ehrliche Meinung wieder.

Mona beschließt, ein letztes Mal in den Iran zu fliegen, als ihre Großmutter stirbt. Sie war eine sehr eigenwillige Frau, die stets einen unpassenden Witz auf den Lippen hatte. Mona wagt mit ihrer Mutter die Reise, in die trügerische Heimat. Ihren Rückflug zurück in ihr Kölner Leben zwischen Club und Coworking hat sie bereits gebucht. Doch ihr iranischer Langzeitliebhaber Ramin überredet sie zu einem Abschiedstrip nach Bam. Die Stadt, die fünf Jahre vorher von einem Erdbeben komplett zerstört wurde. Monas Mutter schließt sich kurzerhand als Anstandsdame an, damit die Sittenwächter nicht auf falsche Ideen kommen. Auf der Fahrt wird Mona mit ihrer eigenen Identität und Herkunft konfrontiert, über die vieles im Dunkeln liegt. Doch dann wird ihr das Fremde auch wieder so vertraut und dafür das einst vertraute verschwommen.

Eine Frau, zwei mal Heimat

Erst war es nur ein Wort. Es überfiel mich, wie all diese sechzehn Wörter, aus dem Hinterhalt. Nie hatte ich es bisher geschafft, mich zu wehren, stets zwangen sie mir aufs Neue ihre Botschaft auf; da ist noch eine andere Sprache, deine Muttersprache, glaube ja nicht, die Sprache, die du sprichst, wäre deine Sprache.
Zitat vom Buchrücken, BTB Verlag, Nava Ebrahimi, Sechzen Wörter

Mona ist im Iran geboren und lebt als freie Journalistin in Köln, zwischen Clubszene und Coworking-Space, eine moderne, junge Frau Anfang 30 und Single. Zuletzt war sie einige Jahre zuvor für ein Jahr in Teheran, um über den Fall eines Deutschen zu berichten, der dort inhaftiert war und hingerichtet werden sollte, da er gegen die iranischen Sitten verstoßen hatte, in dem er außerehelichen Geschlechtsverkehr einging. Damals lernte sie auch Ramin kennen, mit dem sie immer nur dann Kontakt hat, wenn sie mal im Iran ist.

Solange sie in Deutschland ist, ist das ihre Identität, ihr Leben, ihre Sprache und Heimat. Der Iran ist dann für Sie immer sehr weit weg, das dortige Leben mit dem in Deutschland vollkommen getrennt. Nur ihre Großmutter, die sie öfter Besuchen kam, bringt einen Hauch iranische Kultur mit und ein Stück der anderen Heimat. Mit der Großmutter und der Beschreibung, wie sie war und wie die Besuche bei und von ihr waren, startet Nava Ebrahimi auch die Geschichte. Gemeinsam fliegen wir zur Beerdigung und gehen mit Mona, ihrer Mutter und Ramin auf den spontanen Trip nach Bam. Dabei fallen ihr im Laufe der Erzählung, mehr und mehr Erinnerungen und Momente von früher ein, die sich in 16 Kapiteln anhand von 16 iranischen Wörtern aufteilen. Wörter, die sie immer schon unterbewusst in sich hatte, deren Bedeutung sie früher und im Laufe der Reise erfragt und teilweise zum ersten Mal so richtig versteht.

taschenbuch Sechzehn Wörter von Nava Ebrahimi aus dem BTB Veralg liegt auf Unterlage, daneben meine Schwarz-weiße Katze Muffin

Während wir mit ihr nach Bam Reisen erleben wir auch ihre Zerrissenheit, zwischen den zwei Identitäten – die in Deutschland und die im Iran. Schon immer hat sie gespürt, dass diese beiden Welten nicht richtig zueinander passen wollen und dieses Gefühl transportiert Nava Ebrahimi sehr gut. Wir erleben mit ihr, wie sie Stück für Stück wieder die andere Heimat und Sprache erlebt und kennenlernt. Anhand dieser 16 Wörter, die uns einen Einblick in ihre Familiengeschichte aber vor allem auch in die Kultur ihrer anderen Heimat geben. Und eine Reise, die zeigt, dass sie irgendwie zwischen zwei Welten lebt – im Iran fällt sie durch ihr schlechtes Persisch und die hellere Haut auf. In Deutschland genau das Gegenteil – auch hier hat sie schon in jungen Jahren gelernt, dass sie irgendwie anders ist. Dabei beschreibt Nava in beiden Ländern sowohl lustige, fröhliche Momente aber eben auch Momente, in den diese Zerrissenheit, das Zwischen den Stühlen Sitzen besonders stark hervortritt und auch unangenehme Erlebnisse, die dadurch bedingt für Mona entstehen. Ingesamt eine wundervolle Lektüre, die ich sehr empfehlen kann.

Highlight

Werbung – Angaben zum Buch: BTB, 320 Seiten, 2019, ISBN:978-3-442-71754-5

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Taschenbuch Die Vergessenen von Ellen Sandberg aus dem Penguin Verlag auf Tischdecke als Unterlage mit Lichterkette

Rezensionsexemplar/Werbung: Die Rezension spiegelt dennoch meine eigene und ehrliche Meinung wieder.

1944 tritt Kathrin Mändler eine Stelle als Krankenschwester in der Pflege- und Heilanstalt Winkelberg an. Sie denkt, endlich ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Kurz darauf begegnet die junge Frau dem charismatischen Arzt Karl Landmann und fühlt sich unweigerlich zu ihm hingezogen. Doch zu spät merkt sie, dass Landmanns Arbeit das Leben vieler Menschen bedroht – auch ihr eigenes. Manolis Lefertis – 2013. Er ist ein Mann für besondere Aufträge. Eines Tages soll er geheimnisvolle Akten aufspüren, die sich im Besitz einer alten Dame befinden. Er hält den Auftrag für reine Routine und ahnt nicht, dass er in Begriff ist, ein Verbrechen aufzudecken, das Generationen überdauert hat.

Fiktive Orte, historische Fakten und Krimi in einem

Leute, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Dieses Buch, ich bin sprachlos, fix und fertig, geschockt – vor allem darüber, was man eigentlich alles noch immer nicht weiß und wie wenig man in der Schule zum Thema NS-Zeit eigentlich gelernt hat. Ein grauenhaftes Verbrechen – Rache an rund 218 Menschen wegen Partisanen, die drei deutschen Soldaten getötet haben – an Frauen, Kindern, Säuglingen, Alten und Jungen, abgeschlachtet aus Rache und weil sie die Macht dazu hatten, und bis heute hab ich noch nie vom Massaker in Distomo gehört – bis zu Ellen Sandberg und Die Vergessenen. Und die Euthanasie-Morde der NS-Zeit – hat man mal gehört, aber auch hier, kaum Hintergrund, kaum Aufklärung – zu viele Vergessene. Die Pflege- und Heilanstalt Winkelberg ist zwar fiktiv, die Personen auch – doch eng angelehnt an historische Fakten und die mehr als 2000 Getöteten aus den Hungerhäusern und der Kinderfachabteilung, die es in der damaligen Pflege- und Heilanstalt Eglfing-Haar wirklich gab. Verbrechen, die kaum noch einer auf dem Schirm hat und die praktisch nicht aufgeklärt wurden und von vielen gerechtfertigt wurden, von wegen „Gnadentod“.

Warum ich das erwähne? Weil genau das von Ellen Sandberg in „Die Vergessenen“ verarbeitet wird. Zwar sind Personen und Orte fiktiv, doch sie hält sich, wie sie in den Anmerkungen angibt, sehr eng an die historischen Fakten zu den Orten und den damaligen Ereignissen. Fühlte ich mich das ganze Buch über schon beklommen, so gab mir dieses Wissen den Rest. Dabei verwebt sie diese viel zu sehr vergessene Geschichte mit der fiktiven Geschichte von Manolis und seiner Familie, von Vera und ihrer Tante Kathrin und der vieler namenloser Vergessener. Das Ganze schafft sie mit einem Schreibstil, der unter die Haut geht und konstant spannender Atmosphäre, die mich das Buch kaum aus der Hand legen lies. Ein Buch wie ein Krimi, mit hervorragenden gezeichneten Protagonisten, herausragend und authentisch geschrieben und recherchiert, das mich immer wieder zum Nachdenken brachte und in dem Ellen Sandberg die großen Themen Gerechtigkeit und Rache behandelt.

Zentrale Rolle spielt Vera – die im Klappentext ja gar nicht erwähnt wird. Seit Jahren hängt sie in einem Job fest, auf den Sie eigentlich keine Lust hat, der aber Sicherheit bedeutet – als Redakteurin für eine Frauenzeitschrift. Doch eigentlich will sie längst zurück zum investigativen Journalismus und etwas bewegen. Und das tut sie in „Die Vergessenen“ – denn dank ihr erfahren wir all diese Geschehnisse. Warum und wie es dazu kommt – das wäre schon zu viel gespoilert, weshalb ich nicht mehr darauf eingehen möchte. Und wie Manolis dazu passt, dessen Vater im schon als er ein sechsjähriger Junge war, die Geschichte seiner Familie erzählte, die im besagten Massaker in Griechenland ums Leben kam, erlest ihr euch am besten auch selbst. Es lohnt sich!

Gemeinsam begeben wir uns mit Vera und Manolis tief auf die Spuren der Vergangenheit und dieser grauenhaften Verbrechen. Und gleichzeitig lässt uns Ellen Sandberg tief in die Familiengeschichten der beiden eintauchen. Familiengeschichten, die bis heute von den Ereignissen der NS-Zeit gezeichnet und teilweise überschattet sind und eine Handlung, die mehr als der Klappentext vermuten lässt im Heute spielt. Eine perfekte, äußerst gelungene Mischung und ein extrem wichtiges, gleichzeitig spannendes Buch, das ich wirklich jedem ans Herz legen kann.

Highlight

Werbung – Angaben zum Buch: Penguin Verlag, 512 Seiten, 2017, ISBN: 978-3-328-10089-8

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Taschenbuch Piccola Sicilia von Daniel Speck aus dem Fischer Verlag

„Piccola Sicilia“ – kleines Sizilien. Das ist das italienische Viertel der bunten, offenen, farbenfrohen Mittelmeerstadt Tunis im Jahr 1942. Hier leben drei Religionen in guter Nachbarschaft zusammen. Doch dann erreicht der Krieg das Land. Aus dem Hotel Majestic wird die Zentrale der Nazis. Dort trifft der deutsche Kameramann Moritz auf die italienische Jüdin Yasmina. Die hat nur Augen für Victor, den Pianisten. Dessen Leben ist schon bald in Gefahr und Moritz kann ihn retten. Und: Sizilien, heute – Wasserarchäologen ziehen ein Flugzeugwrack aus dem Meer. Nina, Archäologin aus Berlin, sucht ihren verschollenen Großvater. In Sizilien trifft sie auf eine unbekannte Verwandte, die ihr Leben auf den Kopf stellen wirkt. Gemeinsam enthüllen sie das Geheimnis ihrer Familie. Drei Frauen, drei Kulturen, mehrere Generationen – ein Familienepos von einer wahren Geschichte inspiriert.

Die wichtigsten Begegnungen begreift man erst im Nachhinein als solche. Während sie geschehen, scheinen sie so selbstverständlich, als griffen die Räder des Schicksals geräuschlos ineinander, mit oder ohne unser Zutun mit oder ohne unser Einverständnis.
Piccola Sicilia von Daniel Speck, Seite 41

Familienepos, Zeitgeschichte und Kultur

Daniel Speck nimmt uns mit in eine andere Welt, in eine andere Zeit. Wir tauchen ein in einen sonnigen Herbsttag auf Sizilien. Schatzsucher entdecken eine alte, verschollene Ju52 im Meer. Diese Ju52, eines der letzten Flugzeuge, das von Tunis wieder nach Deutschland wollte, eine Flucht der Nazis, ein Flugzeug, das einen Schatz birgt, kam nie am Ziel an. Ein Schatz, der später als „Rommels Schatz“ in die Geschichte eingeht. Diese Entdeckung ist unser Dreh- und Angelpunkt, der uns aus Piccola Sicilia in den Kriegsjahren immer wieder zurück in die Gegenwart katapultiert. Eine Gegenwart, in der Nina von einer fremden, bisher unbekannten Verwandten die Geschichte ihres Großvaters Moritz, oder Maurice, hört und wir mit ihr mit.

In diesen Momenten der Gegenwart lernen wir etwas von der Nina kennen, die sie bisher war und die Nina, die sich kurz nach der Trennung von ihrem Mann vor der Welt versteckt. Und wir erleben, wie sie Stück für Stück eine neue, lebende Nina wird und Stück für Stück erfährt, was aus ihrem verschollenen Großvater geworden ist. Doch der Großteil von Daniel Specks Geschichte wirft uns mitten in das bunte, turbulente Tunis, in das Piccola Sicilia und die Medina hinein. Wortgewaltig und bildgewaltig schafft Speck es, mich dorthin zu versetzten. Eine offene, farbenfrohe Stadt, ein Viertel, in dem die Nachbarn sich helfen, in dem drei Religionen miteinander Leben, die Feste der anderen Mitfeiern und sich respektieren.

Wenn jemand in Friedenszeiten freundlich zu dir war, bedeutet das in Wahrheit nichts. Was wirklich zählte, war die Solidarität von Fremden in Zeiten des Krieges.
Piccola Sicilia von Daniel Speck, Seite 188

Eine Stadt und ein Land, das nach dem Krieg, den die Deutschen bis direkt vor die Haustür brachten, mit Rommel, dem Wüstenfuchs, nie wieder so sein wird wie vorher. Indem die Religionen plötzlich unter sich bleiben, Nachbarn nicht mehr ganz so aufgeschlossen sind, der einen den anderen verrät, um sich und die eigenen zu schützen. Aber auch eines, in dem es nach wie vor Hoffnung, den Glauben an das gute und an ein Happy End und Menschlichkeit gibt.

Mittendrin leben Yasmina und Victor. Beide arbeiten im Hotel Majestic. Sie sind heimliche Geliebte. Moritz, Kameramann der Propagandakompanie trifft hier auf die beiden im Jahr 1942. Er hatte einen einzigen Moment, um sich aus dem Nazi-Schlund zu befreien, Menschlichkeit in all dem Horror zu zeigen – als Victor von der SS hingerichtet werden soll und Moritz der einzige ist, der in befreien kann. Wird er es tun? Was passierte vorher, wie lebten Yasmina und Victor zuvor, wie entwickelt sich das Leben all der Menschen in Piccola Sicilia und der Krieg hier weiter? Und wie wird sich Moritz entscheiden? All das erfahren wir auf 615 Seiten, die mich tief berührten, die so viele wichtige Botschaften und so viel Kultur und Zeitgeschichte enthalten.

Die Faschisten sind nicht rational, sondern fanatisch. Ein rationaler Mensch untersucht die Wirklichkeit, um sie besser zu verstehen. Die Faschisten hassen die Wirklichkeit, weil sie zu paradox ist, sie erschaffen ihre eigene Wahrheit, in der es nur Schwarz und Weiß gibt, so lange, bis sie ihre eigenen Lügen glauben.
Piccola Sicilia von Daniel Speck, Seite 86

Daniel Speck hat mich fast absolut begeistern können. Denn – hin und wieder ist das Buch doch etwas zu langwierig, gerade im Handlungsstrang der Gegenwart. Hier wird nach meinem Geschmack Ninas Vorgeschichte mit ihrem Mann und ihren Gedanken rund um ihn etwas zu ausführlich behandelt. Hier hätte etwas Kürze gutgetan, um mehr in den spannenden Abschnitten der Vergangenheit zu bleiben und den Lesefluss mehr beizubehalten. Denn diese Zeit hat Daniel Speck so lebendig, atmosphärisch, gefühlvoll und bildgewaltig dargestellt und dabei so geschickt die verschiedenen Kulturen und Religionen verwoben, dass ich das Buch trotz der Längen einfach nur lieben kann. Auch hier gab es allerdings ein paar Längen bei philosophischen Gedankengängen zu Religion und Krieg, die zwar einerseits inspirierend, wichtig und berührend waren und mich selbst zum Nachdenken anregten, andererseits aber etwas zu lang wurden oder zu oft wiederholt wurden.

Ich fand bei Weitem nicht alle der vielen Protagonisten/Innen sympathisch, manches Mal waren es mir auch einfach zu viele. Denn nicht jeden schafft er mitreisen zu lassen. Manche bleiben in ihrem Istzustand zu Beginn der Geschichte, entwickeln sich nicht weiter – was aber auch teilweise authentisch wirkte. Dennoch sind die wichtigsten Protagonisten/Innen – Nina, Victor, Mortiz, Yasmina und Albert ausgereift und für mich absolut authentisch mit teilweise guten Entwicklungen gezeichnet. Besonders Mortiz Weiterentwicklung fand ich unfassbar spannend, gerade gegen Ende war es bewegend und auch etwas bedrückend, mit ihm zu realisieren, zu welchen unfassbaren Taten die Nazi-Maschinerie fähig war. Diese innere Zerrissenheit, diese Zweifel und die Entscheidung, die er am Ende treffen muss, hat Daniel Speck für mich sehr gut transportiert und umgesetzt. Auch Victor macht im Laufe der Zeit eine starke Entwicklung durch, die aber für den Leser teilweise im Verborgenen bleibt. Nur Yasmina stagniert für mich etwas und ist auch am Ende noch immer zu naiv und „vor-Liebe-blind“.

Gute Unterhaltung/Lektüre

Werbung – Angaben zum Buch: Fischer Verlag, Taschenbuch, 624 Seiten, 2018, ISBN: 978-3-596-70162-9

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Buch Die letzten Tage des Patriarchats von Margarete Stokowski. Grauer Umschlag mit blauen Streifen. Rowohlt Verlag

Erst vor Kurzem habe ich „Untenrum frei“ gelesen und rezensiert, zeitgleich lag auch schon Margarete Stokowskis neues Buch hier – Die letzten Tage des Patriarchats. Hier finden wir eine Sammlung ihrer Kolumnen seit 2011 – von den ersten Schritten bis zu den neuesten und alle nach wie vor äußerst relevant und wichtig. Wo sich die aktuelle, zum Beispiel politische Lage geändert hat, hat sie Fußnoten und Kommentare integriert. Außerdem finden wir zu einigen ausgewählte Leserstimmen bzw. „nette“ Kommentare zur Kolumne. In diesen Kolumnen geht es um die Frage, ob es den Feminismus überhaupt noch braucht oder ob die Revolution bereits geschafft ist – da gibt es ein ganz klares Nein in zahlreichen Kolumnen von Margarete Stokowski mit absoluten wahren aber für viele so selbstverständliche Situationen und Beschreibungen.

Wir halten es für eine verdammte Selbstverständlichkeit, dass eine Frau in der Dämmerung nicht mehr im Wald joggen gehen sollte. Eine Frau. Immer sind es die Frauen, die ihr Verhalten anpassen sollen. Vielen Männer ist gar nicht klar, wie sehr Frauen die Angst und den Schutz vor Gewalt in ihren Alltag integrieren. Wie sehr wir ein Klima von Bedrohung für normal halten. Wie oft wir ein Taxi nehmen, um nach Hause zu kommen – nicht aus Bequemlichkeit, sondern um sicher nach Hause zu kommen. Wenn wir das Geld haben.
Margarete Stokowski, Die letzten Tages des Patriarchats, S. 112

Die Sammlung ist ein hochaktueller, hin und wieder amüsanter aber gleichzeitig erschreckender Weckruf dazu, wie viel noch immer getan werden muss, wo noch immer die großen Baustellen und Ungleichheiten lauern. Sie analysiert Themen wie Macht, Sex und Körper, die #metoo-Bewegung und Rechtspopulismus – ein ganzes Stück Hau-drauf-Meinung und Analyse und wie der Klappentext so schön sagt – ein Stück Zeitgeschichte in Kurzform. Denn natürlich kratzen manche Texte nur an der Oberfläche, denn es sind schließlich Kolumnen und das ist ja ein Merkmal, dass mit ihnen einhergeht. Aber eines haben sie alle gemeinsam – sie regen zum Nachdenken an, bestätigen im Denkmuster oder schütten ein bisschen Säure in die Wunder und rütteln dich wach: Denn, es gibt einfach noch so viele Stellen, an denen es lohnt zu kämpfen und an denen es ein MUSS ist, etwas zu tun und nicht zu denken – ach komm, läuft doch alles. Nur weil jetzt jeder für 5 Euro mit „Feminism“, „Female is the Future“ und Co herumlaufen kann, sind wir noch lange nicht am Ziel und haben da sogar ein ziemliches Problem, denn läden wie H&M und Co., in denen ihr solche Shirts für ein paar Euro kauft, beuten oft ihre Arbeiterinnen aus, die dazu noch ohne Kranken- oder Sozialversicherungen sind.

Zwar konnte sie mich bereits mit „Untenrum frei“ vollkommen überzeugen. Doch schafft Margarete Stokowski es mit „Die letzten Tage des Patriarchats“ noch mal eine Schippe draufzulegen – es ist so aktuell und behandelt neben der sehr jungen #metoo-Bewegung auch das Abtreibungsverbot, erklärt nebenbei warum nicht alles Anarchie ist, von dem die Leute denken, dass es das schon ist und zeigt mal wieder das teilweise wahnsinnig verquere Frauenbild einiger Medien und Journalisten auf. Nebenbei kommentiert sie sogar noch ihre eigene Entwicklung, die man mit verfolgen kann und das mit einer ordentlichen Prise Humor und spiegelt die gesellschaftliche und politische Debatte von 2011 bis 2018 in ihren Texten und auch den Anmerkungen dazu wider. Absolute Leseempfehlung von mir!

Es gibt eine einzige feministische Flirtregel, die man sich im Übrigen sehr leicht merken kann und die lautet: Sei kein Arschloch. Fertig. That’s it. Unisex übrigens. One size fits all. So praktisch. Der Rest ist ein bisschen gesunder Menschenverstand, Anarchie und Liebe, und das ist genau so schön, wie es klingt.
Margarete Stokowski, Die letzten Tages des Patriarchats, S. 33

Gute Unterhaltung/Lektüre

Werbung – Angaben zum Buch: Rowohlt, Gebundene Ausgabe, 320 Seiten, 2018, ISBN: 978-3-498-06363-4

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Taschenbuch Der Verrat von Ellen Sandberg aus dem Penguin Verlag

Rezensionsexemplar/Werbung: Die Rezension spiegelt dennoch meine eigene und ehrliche Meinung wieder.

Nane wird nach zwanzig Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen. Vieles hat sich verändert. Doch die Schuld lastet weiter auf ihr. Und auch die Erinnerung an die Nacht, die ihr Leben zerstörte und auch das Verhältnis zu ihrer Schwester Pia haben sich nicht verändert. Pia hingegen hat es gut getroffen. Sie ist erfolgreiche Restaurateurin und lebt mit ihrem Mann auf einem idyllischen Weingut an der Saar. So kann Sie natürlich leicht verdrängen, dass ihr Glück auf einem ziemlich brüchigen Fundament gebaut ist. Und dann kommt Nane wieder und Pia ahnt, dass es Zeit für die Wahrheit und damit für Rache oder Vergebung ist.

Drei Schwestern, ein Mann, ein Mord

Für mich war „Der Verrat“ das erste Buch von Ellen Sandberg, einige haben vielleicht schon „Die Vergessenen“ gelesen. Das Buch hat mir ziemlich gut gefallen, ein klitzekleiner Minuspunkt ist der Anfang. Der zieht sich nämlich erst einmal eine Weile hin. Zwar wird das gebraucht, damit wir die schwierige, vertrackte Beziehung zwischen den drei Schwestern, aber vor allem Pia und Nane, verstehen können. Nur diese langsame und ausführliche Hinführung, das Beleuchten ihres Lebens bis zurück in die Kindheit, macht es möglich, dass wir verstehen, wie sie ticken und warum zwischen Ihnen so eine grauenhafte Beziehung steht, wo all dieser Neid, Hass und die Missgunst herkommt. Wie sich die Ereignisse letztlich irgendwann zu einer grausamen Nacht zusammenfügen konnten. Dennoch wird die Geschichte dazu erst mal etwas gebremst.

Doch dann wird es, wie ich finde, spannend – haufenweise, „Was-wäre-wenn“-Möglichkeiten, so viele Ideen, was in dieser Nacht vor gut 20 Jahren passierte. Ich lag natürlich mit allem komplett daneben! Was ganz klar für Ellen Sandberg spricht. Nachdem wir alle Charaktere kennengelernt haben, springt sie für mich immer gemeiner zwischen Nane und Pia hin und her, gerade wenn man glaubt, endlich endlich mehr erfahren zu dürfen. Zack – wieder eine sanftere Szene bei einer anderen Protagonistin und ich musste weiter rätseln. Das hat sie sehr gut gemacht und konnte damit wieder einiges gut machen und die lange Einführung, die so tief in die Beziehung und auch psychologischen Zusammenhänge dahinter geht, macht am Ende des Buches auch noch absolut Sinn.

Etwas schroffes Ende, wenig Sympathien

Kommen wir zu den Protagonistinnen – vor allem Pia und Nane stehen hier im Vordergrund. Phu, also Pia finde ich einfach nur grauenhaft, wirklich, absolut. Nane war mir nicht unbedingt sympathisch, aber sie war sehr authentisch und hat hin und wieder ein paar gute Momente gezeigt. Aber gerade in jungen Jahren wow, wow, fand ich sie schlimm. Aber, Ellen Sandberg führt uns auch sehr gut in die Psyche, die Kindheit und die Entwicklung der Schwestern ein. Und so wissen wir genau, warum sie sind, wie sie sind und ihr Handeln und Auftreten wurde für mich dadurch absolut nachvollziehbar. Dass ich mit ihnen nicht warm wurde, war also im Falle von „Der Verrat“ sogar gut geglückt. Neben den beiden gab es noch einen ganzen Haufen weiterer Protagonisten/Innen, die mehr oder weniger wichtig sind. Manche bleiben im Hintergrund, aber alle, die für die Handlung wichtig sind, werden so weit nötig gut herausgearbeitet und wirkten für mich authentisch.

Jetzt kommt ein kleines ABER: das Ende, phu. Ja, ich mochte es schon irgendwie und sie hat mich damit auch überrascht. Aber, irgendwie war es so plötzlich da und zack erzählt. Da baut sich das alles zu verzwickt und verbandelt auf und dann ist es quasi mit einem halben Absatz erledigt. Das hat mich etwas schroff aus der Geschichte entlassen und ich hätte gerne noch ein, zwei Kapitel mehr gehabt, um ein rundes Ende zu erleben. Dafür hat Ellen Sandberg aber das ganze Buch hinweg mit einer sehr guten Atmosphäre und bildlichen, beeindruckenden Szenenbeschreibungen punkten können und das Cover fängt das Ganze perfekt ein.

Gute Unterhaltung/Lektüre

Werbung – Angaben zum Buch: Penguin, Taschenbuch, 480 Seiten, 2018, ISBN: 978-3-328-10090-4

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Hardcover Buch 1919 - das Jahr der Frauen von Unda Hörner aus dem Ebersbach/Simon Verlag

Rezensionsexemplar/Werbung: Die Rezension spiegelt dennoch meine eigene und ehrliche Meinung wieder.

Das Jahr 1919 war ein wichtiger Meilenstein für Frauen – denn im Januar dieses Jahres durften Frauen zum ersten Mal das von ihnen hart erkämpfte Frauenwahlrecht nutzen. 1919 – ein Jahr des Umbruchs, in denen mehr und mehr Frauen sich ihren Stand in der Gesellschaft erkämpften und in dem viele bekannte Persönlichkeiten ihre eigenen persönlichen Meilensteine und Meilensteine für Frauen aller Welt schafften.

Sie schauen sich wie erlöst an, denn sie haben etwa erreicht, nicht nur für ihr eigenes Leben, sondern für alle Frauen.
Das Jahr der Frauen, Unda Hörner, Seite 55

1919 – das ist das Jahr, in dem Rosa Luxemburg für ihr politisches Engagement mit ihrem Leben bezahlen muss. Das Jahr, in dem Käthe Kollwitz als erste Frau den Professoren Titel an der Akademie der Künste erhält. In dem Marie Curie ihr Radiuminstitut in Frankreich eröffnet, Maria Juchaz als erste Frau eine Rede im Parlament hält und die AWO ins Leben ruft, Sylvia Beach „Shakespeare and Company“ gründet und Coco Chanel das berühmte Chanel No. 5 erfindet. Das Jahr, in dem Suzanne Lenglen Tennis auch als Frauensport etabliert und sich mehr Frauen als Männer im neu gegründeten Bauhaus einschreiben.

All diese Lebenswege, Meilensteine und persönlichen Biografien verwebt Unda Hörner in diesem interessanten, faszinierenden und wichtigen Buch. Gerade in Zeiten, in denen viele den Feminismus fast schon als Schimpfwort nutzen und er als Print und Werbezweck genutzt wird, sind Bücher, die uns daran erinnern, was für wichtige Persönlichkeiten mal solche Meilensteine für Frauen der Welt erreichten, besonders wichtig.

Und Hörner verpackt diese Lebenswege und Ereignisse hoch interessant, wenn auch nur kurz angerissen ohne zu viele Hintergrunddetails. Das machte es mir gerade bei Ereignissen, die ich nicht so auf dem Schirm hatte, etwas schwierig, dem Buch auch gut zu folgen. Gleichzeitig machte mich gerade das auch extrem neugierig darauf, mir noch mehr Hintergrundwissen der vorkommenden Frauen anzueignen und mich stärker in deren Biografien zu vertiefen.

Kleiner Wermutstropfen ist allerdings die fehlende Vielfalt. Zwar reißt Unda Hörner die Biografie von Frauen aus den verschiedensten Bereichen wie Politik, Kunst und Sport an, allerdings überwiegend Frauen der oberen und mittleren Schicht und nur weiße Frauen. Hier wäre eine vielfältigere Mischung toll gewesen, auch wenn ich weiß, dass es auf dem engen Raum schwer ist, allem gerecht zu werden, da sich das Buch ja auch nur auf 1919 begrenzt.

Gute Unterhaltung/Lektüre

Werbung – Angaben zum Buch: Ebersbach & Simon, Gebundene Ausgabe, 256 Seiten, 2018, ISBN: 978-3-86915-169-4

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Buch Untenrum frei von Margarete Stokowski, Rowohlt Verlag, Graud mit neonorangenem Kreuz auf dem Cover

In Frankfurt habe ich zusammen mit Sabine dem Gespräch mit Margarete Stokowski gelauscht. Gelesen hatte ich ihr Debüt oder ihr neues Buch, „Die letzten Tages des Patriarchats“ allerdings noch nicht. Ich war nach dem Gespräch aber so beeindruckt, dass beide Bücher direkt auf meinen SuB einzogen durften. „Untenrum frei“ habe ich auch zeitnah gelesen und bin absolut begeistert!

In ihrem Debüt geht es um Sexismus, um Gleichberechtigung, Ungerechtigkeiten, manifestierte Rollenbilder und sie beschreibt zugleich ihr eigenes Erwachsenwerden, einschneidende und persönliche Erfahrungen, die sie in ihrem Leben bisher gemacht hat und die zugleich die Erfahrungen von so vielen widerspiegeln. Ein Buch, das Gesellschaftsprobleme aufzeigt und auch ich konnte mich in manchen Gedanken und Situationen wiederfinden, wurde zum Nachdenken angeregt. Kurzum: Lest! Dieses! Buch!

Am Hochstapler Syndrom leiden Frauen viel häufiger als Männer. Egal, welche Erfolge sie erzielen, stets haben die Betroffenen Angst, es könnte rauskommen, dass sie nichts davon verdient haben und in Wirklichkeit komplette Loser sind.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, S. 106

Margarete Stokowski hat ein persönliches, befreiendes Buch geschrieben. Sie spricht über Themen, über die man lieber nicht spricht – doch warum eigentlich? Warum fällt es uns leichter, über Essen oder Ähnliches zu reden, als über Sex? Oder über festgefahrene Rollenbilder? Struktur- und Machtprobleme? Wie hängen die Freiheit im Kleinen und die Freiheit im Großen zusammen? All das versucht sie in ihrem Buch zu beantworten und zeigt dabei auf, wie Rollenbilder und Schamgefühl sich manifestiert haben und uns noch immer einschränken. Das geht schon im Kindesalter los. So schreibt sie von einem persönlichen Erlebnis, noch kurz bevor sie in der Schule ist. Sie hat kurze Haare und man nahm sie nicht sofort als Mädchen wahr. Um zu zeigen, dass sie aber eins ist, redet sie den ganzen Tag nur noch in hoher Piepstimme, damit man das auch ja kapiert!

Ich versuche, möglichst hoch zu sprechen. Ich piepe, damit man merkt, dass ich ein Mädchen bin; das habe ich mir überlegt, als Trick, damit die Leute das checken. […] In echt klinge ich vermutlich wie ein Hamster, um den man langsam die Faust schließt. Das ist albern.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, S. 26

Eine Anekdote, die einen erst mal zum Schmunzeln bringt. Albernheiten eines Kindes. Die aber doch so gut zeigt, wo die festgefahrenen Rollenbilder schon losgehen. Eben schon von klein auf, mit Kommentaren wie „Die trägt ja gar kein Rosa, wie soll man denn dann wissen, das es ein Mädchen ist“ und Co. Doch „Untenrum frei“ wartet mit noch viel mehr Themen auf, ohne uns zu erschlagen: von Schönheitsidealen, Essstörungen, Selbstverletzung, sexueller Gewalt, sexueller Identität und Feminismus über Intersektionalität bis hin zu Bildung, dem Erwachsenwerden, der Pubertät oder der Mediendarstellung von Sex und Frauen. Ein breites Spektrum an unfassbar wichtigen Themen auf so wenig Seiten. Zwischen sachlichem Schreibstil, Anekdoten aus ihrem Leben und teilweise sehr persönlichen, tiefen Einblicken und einer Prise derben Humor schafft sie es, in diese viel diskutierten aber noch lange nicht gelösten Probleme neuen Wind zu bringen.

Die Schule wäre einer der Orte, an dem man jungen Menschen beibringen könnte, nach innen ihre Grenzen zu wahren und nach außen Hilfe zu suchen. Bis ich Mitte zwanzig war, hatte ich keine Ahnung, ab wann etwas ein Übergriff ist, den man sich nicht gefallen lassen muss. Ich hatte es schlicht nie gelernt und kam auch nicht auf die Idee, dass mir Informationen fehlten.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, S. 124

Neue, wichtige Denkanstöße

Margarete Stokowski löste bei mir mit „Untenrum frei“ neue Denkanstöße aus, brachte mich zum Nachdenken und Reflektieren. Wie sie von den damaligen pubertären Auffassungen schreibt, wie eine Beziehung auszusehen hat, wie typische Jugendzeitungen wie Bravo und Co interpretiert wurden, wo wir überall veraltete Rollenbilder anwendeten und noch immer anwenden, all das ist rückwirkend wahnsinnig erschreckend und leider absolut wahr und real. Bei mir und in meinem Umfeld war es kein Stück anders und noch heute hält sich so viel so fest verankert und Medien verbreiten mitunter unfassbaren Hirnschiss an Jugendliche.

Etwa ein Jahr später weiß ich immer noch sehr wenig über Sex, aber das Schlimme ist, dass ich denke, ich wäre ganz gut im Bilde, und zwar, weil ich Unmengen an Jugend- und Mädchenzeitschriften komsumiere: Bravo, Bravo Girl, Mädchen, Popcorn, Sugar, Pop Rocky, Young Miss, ich lese sie alle.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, S. 62
Jugendlichen beizubringen, dass sie ihren Körper sexy tricksen müssen, indem sie sich Socken in den BH stopfen, halte ich für ein Verbrechen. Natürlich tun Jugendliche solche Sachen. Aber ihnen auch noch zu erklären, dass das gut ist und ein wirklich schlauer Trick, das ist falsch. Es ist zutiefst falsch.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, S. 66

Besonders interessant fand ich die genauen Ausführungen und auch gut belegten Abschnitte darüber, wie krass der Unterschied zwischen der medialen Darstellung von Männern und Frauen ist. Unter anderem führt sie ein Zitat von Laurie Penny auf, das da heißt:

Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.
Laurie Penny

Ein Gedankenspiel, dem sie auch in ihrem Buch nachgeht und so gut trifft, wie wir in Medien und Zeitschriften dargestellt werden und mit welchen Themen wir uns doch am besten beschäftigen sollten. Klar, Gleichberechtigung und so, aber bitte, wir sollen doch bloß nicht zu laut und unbequem werden. Auf der einen Seite sollen wir uns frei und wohlfühlen, auf der nächsten wird über Stars und Sternchen hergezogen, die keinen BH tragen und „Wer trägt es besser“ Vergleiche gezogen.

Darüber hinaus gibt sie uns eine Einführung in das Thema Feminismus, zeigt, wie das Thema fast schon zu einem Schimpfwort geworden ist und mit welche verqueren Bildern das Wort in Verbindung steht. Zeigt, was der Feminismus schon alles erreicht hat, aber eben auch, wie viel noch immer vor uns liegt und das wir noch lange nicht bei einer vollkommenen Gleichberechtigung angekommen sind. Sie zeigt, dass wir niemals untenrum frei sein können, so lange wir obenrum nicht frei sind – dass Ungleichbehandlung bei jedem von uns anfängt und doch in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang steht und es nachwievor viele Probleme gibt.

Ich rede mir ein, dass alles gut ist, dass dieser Vorfall in der Nacht kein besonders krasser Fall war – ich wurde nicht verletzt, es waren nur wenige scheußliche Minuten und ich ging am Tag danach ganz normal zur Uni und arbeiten. Aber ich fühle, dass es ein riesiges Problem gibt, dessen Ausmaße ich gerade erst anfange zu verstehen.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, S. 157

Ich bin ihr sehr dankbar für dieses sehr persönliche Werk, dass gleichzeitig so universell ist und so viele, wichtige Themen sachlich untermauert, mit Quellen hinterlegt und doch auch mit einer Prise Humor und Hau-drauf-Stil transportiert wird und dadurch neue Denkanstöße und frischen Wind liefert. Untenrum frei wird mich noch lange begleiten, ist voll mit Markern und zeigt, dass man nicht still sein sollte, sondern laut, denn wir sind noch lange nicht bei einer vollständigen Gleichberechtigung angekommen.

Es mag diese unangenehme Situationen geben, in denen es das Einfachste ist, nichts zu sagen. Ich mache das selber auch oft genug. Wir alle müsse unsere Kraft einteilen, aber auf Dauer bringt weglächeln nichts. Mir ist kein einziger Fall in der Weltgeschichte bekannt, in dem ein schweigendes Lächeln eine Ungerechtigkeit abgeschafft hätte.
Untenrum frei, Margarete Stokowski, S. 192

Gute Unterhaltung/Lektüre

Werbung – Angaben zum Buch: Rowohlt/RoRoRo, Gebundene Ausgabe, 256 Seiten, 2015, ISBN: 978-3-498-06439-6

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