Herkunft von Saša Stanišić

Taschenbuch Herkufnt von Saša Stanišić, weiß mit Autonamen und Titel und einem Dracchen, auf weißem Holztisch mit rundem Platzsetz vor Bücherregal

Herkunft von Saša Stanišić

Lesehinweiß: Dies ist eher eine ausführlichere Rezension, das bedeuteut, das ich etwas mehr auf den Inhalt eingehe, lest den Beitrag also ggfs. erst, wenn ihr das Buch kennt oder wenn ihr einfach grundsätzlich vorab schon mehr erfarhen möchtet.

CN/TW: Demenz, Trauer, Tod

Buchinfos: Herkunft von Saša Stanišić, Penguin Random House – BTB Verlag, 368 Seiten, Taschnbuch, ISBN: 978-3-442-71970-9

Herkunft handelt, wie der Buchrücken schon so schön sagt, von dem Zufall, dem ersten des eigenen Lebens, wo wir geboren werden. Aber Herkunft von Saša Stanišić handelt noch von so vielem mehr. Es ist ein Abschied von seiner dementen Großmutter. Es ist eine Sammlung von Anekdoten und Erinnerungsfragmenten an seine Kindheit und Jugend und an die Geschichte seiner Familie und seines Geburtslandes, ein Land, dases es heute so nicht mehr gibt.

Es ist so: Das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es heute nicht mehr. Solange es das Land noch gab, begriff ich mich als Jugoslawe.

Saša Stanišić, Herkunft, S. 13

Ein Buch, in dem er selbst seine Vergangenheit und seine Herkunft reflektiert, mal erheiternd, mal nachdenklich, stets feinfühlig und und kritisch mit sich selbst und der Gesellschaft. Kurzum, ein unfassbar vielschichtiges, wertvolles Buch.

Wer Herkunft zur Hand nimmt, sollte keinen Roman mit stringenter Handlung erwarten. Gerade die ersten paar Seiten fielen mir doch recht schwer. Saša Stanišič schreibt vielschichtig, dicht, poetisch und zunächst gefühlt ohne jeglichen roten Faden. Doch schon nach einigen Seiten merkte ich, den gibt es doch und am Ende is das Buch ein rundes, klares Bild. Dennoch ist es eher eine Sammlung an Erinnerungen und Gedanken aus den verschiedensten Zeiten und Orten der Vergangenheit, als hätte er sie so aufgeschrieben, wie sie im einfielen, ohne chronologische Reihenfolge. Das mag zunächst etwas holpern beim Lesen, wie bei mir, aber dennoch war ich schnell gefangen. So gefangen, das sich die letzten 200 Seiten nun in einem Rutsch durchlas, obowhl das Buch eigentlich unser derzeitiges Monatsbuch für Mädels die Lesen ist.

Eine Reise in die Vergangenheit, Abrechnung, Reflexion

Saša Stanišic erzählt von seiner Großmutter, von der noch recht unbeschwerten Kindheit in seiner Geburtsstadt Višegrad und von der Flucht, als bosnisch-serbische Truppen damals im Bürgerkrieg den Ort besetzten. Er erzählt von Kindheitserinnerung in Fußballstadien, in denen er an einem Tag noch dem „Roten Stern Belgrad“ zujubelt, von Paraden und Pionierliedern. Bis er mit 14-Jahren mit seiner Mutter an einem regnerischen Augusttag in Heidelberg mit nur drei braunen Koffern ankommt. Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Er berichtet vom Ankommen in Deutschland, vom Erlernen der neuen Sprache, von neuen Freundschaften im Meltingpot Emmertsgrund, erster Liebe, Jugend. Es ist gleichzeitig verträumte Erinnerung und Reflexion. So merkt er jetzt im Rückblick vor allem, wie es auch seinen Eltern ging. Beide Akademiker in ihrem Heimatland gingen körperlich zermürbenden Gastarbeiterjobs nach und versuchen ihr Bestes, ihm eine so gut es geht unbeschwerte Jugend und einen leichten Einstieg in das neue Leben zu ermöglichen.

Der Anblick des Schlosses wird für mich immer nach Schokolade schmecken. Meine erste Freude in Deutschland war eine touristische Attraktion. Im Nachhinein weiß ich, dass die Freude kam, weil wir uns zum ersten Mal nach der Flucht sicher fühlten.

Saša Stanišić, Herkunft, S. 125

Wir erleben mit ihm, wie er Fuß fasst, eine neue Sprache von Grund auf lernt und wie er im Schreiben ebenfalls ein Stück Heimat findet. Schon seine zweite Großmutter Nena prophezeit aus Nierenbohnen, dass er sich an Worte halten soll. Und das tut er schließlich, kann durch sein Studium und dann durch seine Selbstständigkeit als Schriftsteller in Deutschland bleiben. Während er erneut vom Rest der Familie getrennt wird, denn die Eltern werden abgeschoben und emigrieren nach Florida und Kroatien. Seine Zeit in Deutschland, vor allem die Jugend in Emmertsgrund beleuchtet er auch kritisch, zeigt auf, wie es Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten, geht. Wie es ist, in einem fremden Land neu anzufangen, nicht zu wissen, ob man bleiben darf, umgeben von Vorurteilen und Fremdenhass, der leider noch immer bzw. noch viel verstärkter wieder ein zu aktuelles Thema ist.

Der Koffer aus Sprache ist mit mehr Gepäck leichter geworden. Die vielen Vokabeln und Regeln und Fertigkeiten schicken dich auf eine neue Reise. Du beginnst Geschichten zu schreiben.

Saša Stanišić, Herkunft, S. 136

Wechsel zwisch Zeiten und Erzählperspektiven

Neben den Erinnerungen an die Zeit in Deutschland springt Saša Stanišić auch immer wieder zurück. Zurück zu eigenen Erinnerungen aus der Zeit in Višegrad und zurück an Erinnerungen, die er aus Erzählungen von seinen Großeltern kennt. Insbesondere Erinnerungen seiner Großmutter, mit deren Erzählungen er auch Abschied nimmt von ihr. Er erinnert sich noch einmal an ihr letztes gutes Jahr, als er mit ihr in ihrem Heimatdorf zu besuch ist. An Erzählungen zu ihrem Mann, den er selbst kaum noch kannte, und ihre Schwester. So wie das Buch mit dem Einsetzten ihrer Krankheit beginnt, so endet es mit dem Abschied von seiner Großmutter. In jeder Erzählung, in der seine Großmutter eine Rolle spielt, spürt man so sehr die Liebe und Verbundenheit zu ihr, und trotz der oft auch heiter geschriebenen Stellen berührter er mich mit diesen Erinnerungen und Anekdoten ganz besonders.

Ihr seht, es steckt so wahnsinnig viel in diesen etwas mehr als 300 Seiten. Dabei springt er immer wieder zwischen Zeiten und den Erzählperspektiven und wir mit ihm. Dazwischen tauchen immer wieder ein Stück Patriotismus und Pionierlieder auf, aber auch Poesie und die Liebe an Bücher, das Schreiben und Worte im Allgemeinen. Ein dichtes, mitreisendes Buch, eine Suche nach der Bedeutung von Herkunft, eine Geschichte über Tod, Trauer, Demenz, Vergänglichkeit und Abschiede, über das Leben und Liebe. Klug, humorvoll, poetisch, berührend. So wie er einen schon zu Beginn vorwarnt, er finge immer wieder neu an, fände immer wieder ein anderes Ende, so liest sich das Buch auch und kann eventuell manchen Leser*innen Schwierigkeiten beim Hineinfinden bereiten, aber es lohnt so sehr. Und am Ende schenkt er uns noch ein Stück „Choose your own Adventure“-Feeling, wie aus den Geschichten, die er in seiner Kindheit liebte. So können wir seinen ganz speziellen Abschied von seiner Großmutter selbst gestalten, das letzte große gemeinsame Abenteuer.

Franzi D.
introvertsadventure@gmail.com
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