Pandemüde, Trauermüde, alles müde

Feldweg mit Wald am Horizont wärhend Sonneuntergang

Pandemüde, Trauermüde, alles müde

Das Wort nehmen wohl gerade viele in den Mund, nicht nur ich. Letzte Woche während der Therapie-Sitzung fragte meine Therapeutin ab, ob ich es denn noch schaffe, spazieren zu gehen und alles. Also mehr zu machen, als Löcher in die Luft starren oder sich nicht mehr vom Sofa aufraffen zu können. Ich hab das noch zu bejaht – denn ich mach das noch. Ich versuche jeden Tag Bewegung zu integrieren. Hullern oder Spazieren, manchmal beides. Hullern macht auch noch Spaß. Aber Spazieren ist gerade nur noch ein „man muss ja mal los“. Denn ich kann das einfach alles nicht mehr sehen hier.

Seit 11. Oktober 2019 wandel ich in so nem dicken Nebel herum und laufe sämtliche Spazierwege ab. Habe da schon kaum noch was erlebt, weil ich einfach keine Kraft hatte, während ich die ersten Wochen des Schocks und der Trauer durchlief und nebenbei verzweifelt weiter versucht habe zu Arbeiten, über drei Monate hinweg. Dann sechs Wochen Auszeit, kaum ein Tag zurück – zack, Pandemie. Mehr als ein Jahr nichts erleben, bis auf ein kurzer Ausflug nach Dresden, der zwar einen wundervollen Tag mit der besten Sarah der Welt bedeutete, aber eben auch dazu da war, um zum Grab meines Vaters zu gehen. Und sonst, nicht viel, außer irgendwie durchkommen. Abgesehen von einem wirklich schönen Highlight – der Hochzeit. Aber seit Ende Oktober wieder diese ausgedehnte Leere, diese Liste an Dingen, die nicht möglich sind oder die ich nicht mache, weil – nur weil erlaubt, ist es vieles ja dennoch einfach nicht sinnvoll.

Dennoch hab ich am Dientag noch mit „ja“ geantwortet. Aber es ist so ausgelutscht alles, ich kann die Wege nicht mehr sehen, ich kann die Wohnung nicht mehr sehen. Ich brauche Lichtblicke in all dem Pandemie- und Lebenscheiß, der mich nicht erst ein Jahr, sondern schon so viel länger begleitet, nur seit einem Jahr um ein Vielfaches intensiver und beängstigender geworden ist. Gefühlt ist bei jeder neuen Woche nur noch eins auf der Agenda: arbeiten. Und das am besten noch zu 150 % Prozent. Wir sind inmitten einer fucking Pandemie, viele von uns haben noch ihre ganz eigenen Päckchen zu tragen, die auch ohne Pandemie unsäglich schwer sind, nichts ist gerade möglich – außer: Bitte funktioniert arbeitstechnisch einfach unverändert, an vielen Stellen eher mit noch mehr Prozent weiter, aber alles andere ist gestrichen. Ich fühle mich, als würde ich nur noch existieren um zu arbeiten, für sonst nichts. Auch wenn ich weiß, dass viele der Maßnahmen eben wichtig sind und ich mich natürlich daran halte – es macht einfach müde. Und bei mir ist das vermutlich absolut harmlos im Vergleich zu vielen anderen von euch – auch abseits einer Pandemie.

Nun mach ich wirklich nicht viel sonst. So als introvertierter Mensch kann ich gut auch zu Hause sein. Aber diese vielleicht 40 % fehlen mir mit jedem Tag immer mehr. Die Kaffeedates mit Buchhandlungs-Hopping. Meine Familie sehen, wann immer ich möchte – gerade jetzt, wo klar ist, wie kostbar jeder einzelne Tag ist und wie schnell die gemeinsamen Tage verrinnen können. Mal ein Ausflug am Wochenende in ein Airbnb, mal was Essen oder ins Kino. Natürlich brauche ich nach solchen Tagen immer meine Introvertiert-Bubble zu Hause – aber in dieser bin ich dann mit frischem Wind und neuem kreativeren Elan. Die nächste Arbeitswoche ist ok, weil ich mich darauf freue, ein Wochenende zu Hause zu verbringen. Dann, weil ich mich drauf freue, einen Punkt dieser 40 % zu erleben.

All das fehlt und kein Ende in Sicht. Ich bin so müde, täglich funktionieren, täglich bitte sehr gute Leistung liefern, am besten so viel schaffen wie immer. Während sonst nichts am Horizont winkt oder immer mit dem Hintergedanken einer möglichen Ansteckung, die durch meine Angststörung besonders hoch ist. Während jegliche Kreativität und Energie für all die Dinge, die mich auch meinen persönlichen Zielen näher bringen, fehlt. Während neben Arbeit, Pandemie-Angst, Pandemie-Müdigkeit und Angst und Sorge um Familie und Freunde nicht mal mehr Energie für die wirklich wichtigen Dinge derzeit über ist: Trauer- und Therapiearbeit. Denn auch mit ihr fühl ich mich irgendwie gefangen. Zu wissen, dass ich damit nirgendwo mal hinkann – mal für mehrere Tage einfach weg, quasi als therapeutische Reise. Das macht müde. Zu wissen, dass noch so viel zu verarbeiten ist, aber einfach kaum Raum dafür da ist. Das macht müde.

Es ist und war einfach so wahnsinnig viel los, ganz besonders in den letzten 4,5 Jahren und getoppt durch die letzten 16 Monate, die alles davor noch mal intensiviert haben. Und das schon ohne Pandemie, die dann noch schön oben drauf landet. Natürlich weiß ich, dass ich in vielen Dingen trotzdem noch privilegiert bin und weiß das zu schätzen – aber das ändert nichts daran, dass ich einfach nur müde mit. Müde von allem, ich wünsche mir einfach nur mehrere Monate Ruhe – keine Verpflichtungen, keine Termine, dafür ganz viele Dinge, die Energie, Elan und Kreativität fördern und einfach ein Happy End oder wenigstens ein Ende (happy kanns in manchen Bereichen ja gar nicht mehr werden).

Für mich, für meine Familie, meine Freunde, für uns alle – privat und für die Pandemie – endlich mal wieder, soweit es möglich ist, ein sorgenfreies Leben, Leichtigkeit spüren, Pläne schmieden, große und kleine Abenteuer erleben – außerhalb dieses Ortes, dieser vier Wände, die mich an Tagen wie heute zu erdrücken scheinen. Ein Pausebutton für Gefühle. Ein Fast-Forward für die Pandemie hin zu Tagen, an denen ich all das wieder erleben und meine vielen Wünsche und Ziele angehen kann. Zu Tagen, an denen ich diesen Blog aufmache und im Kreativitätsrausch über Bücher, Filme, Podcasts schreibe, statt darüber, wie müde ich bin. Das wärs.

Franzi D.
introvertsadventure@gmail.com
4 Comments
  • Franziska Buechertatzen
    Posted at 19:48h, 28 Februar Antworten

    Ich kann das alles so gut nachvollziehen. Klar, auch ich bin privilegiert, weil ich meinen Job nicht verlieren werde und keine Geldnöte habe. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich nicht meine eigenen Probleme habe. Ich bin zwar gerne daheim. Aber nicht einmal mehr einkaufen dürfen, weil man von der Gesellschaft ausgegrenzt wird, wenn man sich aus gesundheitlichen Gründen nicht an alle neuen Regelungen halten kann … Ich bin vor allem gesellschafts- und pandemiemüde. Weil beide mir gerade die Psyche wieder so sehr zerstören, obwohl ich auf einem guten Weg war.

    Daher fühl dich gedrückt! Es werden hoffentlich wieder bessere Zeiten kommen, in denen wir wieder Kraft tanken können. Ich hoffe es zumindest so sehr.

    Liebe Grüße
    Franziska

    • Franzi D.
      Posted at 21:41h, 28 Februar Antworten

      Ach ja, das ist auch richtig Mist. Und genau, verlgeichen hilft einem da ja erst Recht nicht – wenns einem nicht gut geht, gehts nicht gut, da ist egal, dass es einen noch schlimmer treffen könnte. Seine Päckchen hat dann doch jeder. Ich dürck dich auch ganz feste und hoffe das auch sehr, aber ganz bestimmt! Irgendwie halten wir das jetzt noch durch und dann können wir das alles wieder richtig genießen :-* glg Franzi

  • Sarah Schückel
    Posted at 20:30h, 28 Februar Antworten

    Meine Liebe <3

    Du nimmst mir die Worte aus dem Mund und ich wünschte, ich könnte etwas sagen, um Dir etwas mehr Leichtigkeit zu geben. Die unverbesserliche Optimistin in mir sagt: All das wird kommen. Die 40% warten auf Dich – auf uns – und sie werden wunderbar. Halt noch etwas durch. Ich bin da und wir stützen uns gemeinsam. Das ist nicht viel, aber immerhin etwas. Ohne Dich wäre das alles so viel schwerer.

    Drücke Dich ganz fest aus der Ferne, Du Wunderbare <3
    Deine Sarah (die ganz rot geworden ist)

    • Franzi D.
      Posted at 21:44h, 28 Februar Antworten

      Ach du hihi ich werd auch gleich ein bisschen mit rot! Da hast du Recht, was würden wir gerade nur ohne einander tun, das hilft schon noch mal deutlich, sich gegenseitig zu stützen :-* – Und ich versuche mal ganz feste mit optimistisch zu sein, zumindest an den meisten Tagen – wobei ja eigentlich schon klar ist, irgendwan kommt das auch wieder, ist ja, nachdem ich ja nicht mal Lust auf Massenveranstaltungen habe, gar nicht so unwahrscheinlich. Ach aber grade jetzt, ah je, aber du weißt ja, wie das an manchen Tagen so ist :-* Ich drück dich auch ganz ganz feste!

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